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Sibel
Nefas Humorecke
Bauchtanz
Geschichten der etwas anderen Art
Ich
freue mich hier eine Geschichte aus Werner Davids Erstlingswerk „Bauches
Lust, Bauches Frust“ abdrucken zu dürfen.Auf seiner Homepage
könnt ihr dieses Buch und auch sein neustes Werk erwerben.
http:// www.bauches-lust.de
Zimbeln - eine akustische Umweltverschmutzung?
Autor: Werner David
E-Mail: wernerimweb@web.de
Zimbeln sind eine Sonderform der akustischen
Umweltverschmutzung. Sie bestehen aus kleinen, runden Metallscheiben,
die mittels Gummibändern die Blutzufuhr in Daumen und Mittelfinger
unterbrechen und beim Aneinanderschlagen durch blecherne, vom Rhythmus
abweichende, Mißtöne die Fehler der betreffenden Tänzerin
kaschieren. Jedenfalls drängt sich dieser Eindruck nach der ersten
Zimbelstunde auf.
Wir befinden uns - wieder einmal - im Zentrum für orientalischen
Tanz in München.
Daniela, unser schulinterner Tanz-, Trommel- und Zimbelguru, begleitet
uns geduldig auf den ersten Schritten in dieser neuen Disziplin. Zimbeln
sind schüchtern und treten daher immer in Paaren auf, in der Regel
sogar zu Viert, dadurch verdoppeln sich die Schwierigkeiten für
den Zimbelfrischling.
Beim Anlegen der kleinen Marterscheiben fangen die Schwierigkeiten an.
Der europäische DIN-Daumen hat sich noch nicht durchgesetzt, auch
der Mittelfinger entzieht sich vorerst allen Normbestrebungen. Fazit:
Der blöde Gummi paßt nicht! Entweder kann man die verstrichene
Zimbelzeit an der Blaufärbung der Fingerspitzen ablesen - dann
ist er zu eng - oder das zimbeln ist nur mit nach oben gedrehten Handflächen
möglich weil die Zimbeln sonst spätestens nach dem dritten
Schlag auf den Boden scheppern - dann ist er zu weit.
Der mitgelieferte Gummi ist in der Regel viel zu schmal und nur als
Aderpresse geeignet, außerdem werden Daumen und Mittelfinger brutal
über einen Kamm geschoren, obwohl sie nun mal unterschiedlich dick
sind.
Beim Anblick der ersten Zimbeln, die auf der Rückseite mit „D“
für Daumen gekennzeichnet waren, konnte ich mir die lästerliche
Frage, ob die Abkürzung „Dhl“ und. „Dhr“für
„Daumen: Hand links“ (bzw. rechts) nicht eine zusätzliche
Bereicherung wäre, nur mit Mühe verkneifen. Inzwischen prangt
ein kleines unauffälliges „d“ auch auf meinen eigenen
Zimbeln, es bewährt sich tatsächlich.
Statt dem mitgelieferten Martergummi habe ich einen 1,5 cm breiten Hosengummi
eingezogen, trotz schräg abgeschnittener Enden eine elende Fummelei
bei den kleinen Löchern, aber immerhin sitzen die Zimbeln jetzt
absolut erdbebensicher.
Wenn Sie all diese Vorbereitungen abgeschlossen haben, steht einem ersten
Versuch, ihre Umwelt in die Verzweiflung zu treiben, nichts mehr im
Wege.
Daniela demonstriert einen einfachen Grundschlag. Hände locker,
Zimbeln kurz aneinanderschlagen, Finger sofort wieder öffnen -
fertig! Der so entstandene harte, helle, klare Ton erinnert an zwei
Kristallgläser, die gefühlvoll aneinander geschlagen werden.
Jetzt wir! Die Kristallgläser verwandeln sich auf wundersame Weise
in Blecheimer, wir produzieren ein erstaunlich breites Spektrum der
unterschiedlichsten Mißklänge, nur die Lautstärke ist
perfekt, auch nach Beendigung unsere Attacke klingeln die Ohren noch
eine Weile nach. Verblüffend, mit welch einfachen Mitteln sich
derart unreine Töne produzieren lassen.
Die Zeit, in der unsere Trommelfelle langsam wieder ausschwingen, nutzt
Daniela für einen kurzen Exkurs in die orientalische Rhythmuslehre.
Orientalische Musik wird vor allem durch die Trommel strukturiert, die
dem einem Europäer oft sehr eintönig erscheinenden „Gedudel“
Form verleiht. Segensreicherweise gibt es eigentlich nur zwei Grundformen
des Schlags, das tiefe „Dum“ in der Trommelmitte und das
helle „Tak“ am Rand. Die Summe der „Dums“ und
„Taks“ bilden ein Gerüst, an dem man sich auch als
Anfänger relativ gut festhalten kann und das auch von den Zimbeln
übernommen wird.
Am Anfang ist es sehr hilfreich, dieses gezimbelte Strickmuster laut
mitzusprechen. Falls ihnen irgendwann in der S-Bahn ein Mensch begegnet,
der mit sinnentleertem Blick in die Unendlichkeit starrt, mit den Fingern
zuckt und leise mystische Silben murmelt, die sich wie „taka dum
dum takatak dum takatak“ anhören, bewahren sie Ruhe.
Es handelt sich weder um einen entsprungenen Geisteskranken noch um
die Beschwörungsversuche eines Hobbymagiers oder Vorboten eines
Anfalls, sondern lediglich um einen strebsamen Zimbeljünger, der
sich gerade eine Choreographie verinnerlicht.
Wir „tackeln“ für geraume Zeit im Stehen vor uns hin.
Bis auf gelegentliche unfreiwillige Improvisationen läßt
sich mit etwas gutem Willen und wohlwollendem Ohr schon ein zugrundeliegender
gemeinsamer Basisrhythmus erkennen. Leider ist eine ausschließlich
im Stehen zimbelnde Tänzerin auf Dauer nur mäßig reizvoll
für den Zuschauer, wohl oder übel muß noch Bewegung
ins Spiel, zuerst ein einfacher Grundschritt. Von wegen einfach! Schlagartig
zerfällt die Gruppe in vier Splitterparteien.
Fraktion I, der auch ich angehöre, bewegt sich souverän im
Grundschritt um dann beim Einsatz der Zimbel abrupt stehen zu bleiben.
Fraktion II zimbelt im Stehen, hört aber beim ersten Schritt schlagartig
damit auf.
Fraktion III geht und zimbelt, ignoriert aber beharrlich den vorgegebenen
Rhythmus.
Fraktion IV, ein verschwindend kleines Häufchen, geht, zimbelt
und hält sich auch noch an den Takt. Streber!
Mörderische Konzentration liegt in der Luft. Meine Beine, die inzwischen
schon eine gewisse Selbständigkeit erreicht haben und normalerweise
auch ohne ständige Aufsicht brav vor sich hin grundschritten, droppen
oder schimmyschütteln, zeigen sich ungewohnt aufsässig. Zugegeben,
90% meiner Aufmerksamkeit ist momentan auf die verflixten Zimbeln gerichtet,
trotzdem finde ich es ausgesprochen beinunkooperativ, mich einfach so
stehen zu lassen. Im wahrsten Sinn des Wortes. Muß ich denn alles
selber machen?
Meinetwegen, also erst mal nur Grundschritt. Funktioniert erwartungsgemäß.
Jetzt auf „Dum“ ein schüchternes „pläng“
links oben. Keinerlei Beinwiderspruch bis jetzt!
Nun ein tollkühner links-rechts-links Schlag. Unwillkürlich
achte ich intensiver auf den Takt und meine Hände. Das war’s!
Beide Beine schmollen erneut und stehen trotzig in der Gegend. Sch.........eibenhonig!
Das gibt’s doch nicht! Wütend drohe ich den Verrätern
ernste Sanktionen an, einschließlich kalten Spritzgüssen
und Nagelbrett. Kleinlaut fallen sie erneut in einen wunderschönen
Grundschritt. Nach einem letzten grimmigen Blick nach unten ein neuerlicher
Versuch.
" Boing, zäng, pling“.
Ha! Abgesehen vom schauerlichen Klang gar nicht so übel und ich
bin immer noch in Bewegung, dem glattstirnigen Gesichtsausdruck von
Daniela nach zu urteilen sogar im Takt.:
„Pling, twäng, zoing -
Plunk, pling, pling -
pling, pling, pling“.
Sphärenklänge! Die nächste Folge endet im völligen
Desaster, linke und rechte Hand haben plötzlich das unerklärliche
Bedürfnis synchron zu agieren und produzieren Stereokrach.
Wäre ja auch zu schön gewesen. Ganz ist der Groschen zwar
noch nicht gefallen, aber die ersten Metallspäne sind schon unterwegs.
Die Erfölgchen häufen sich, die Abstände bis zur musikalischen
oder „beinlichen“ Entgleisung werden länger und langsam
macht der ganze Krach Spaß.
Schließlich setzt Materialverschleiß dem Ganzen ein Ende.
Daniela mobilisiert alle Reserven um ein letztes unterstützendes
„dum dakeldak dakeldakeldak dak“ zu krächzen, meine
Fingerspitzen sind rot angelaufen und ich bin halb taub. Himmlischer
Friede senkt sich über die Runde, etwas Oropax zur Schalldämpfung
wäre das nächste Mal nicht schlecht.
Langsam gehen die Rollos in der Nachbarschaft wieder hoch, irgendwie
ist die Schule schon eine Bereicherung für unser Umfeld, sowohl
optisch als auch akustisch. Hoffentlich sind wieder alle dabei wenn
es erneut heißt:
„Let´s pling“
Copyright ©
Werner David
Erding, 1998
Weitere 28 tierisch ernste Artikel rund um den Orientalischen Tanz findet
ihr in:
„Bauches Lust, Bauches Frust“, ISBN 3-8311-1964-3, 139 Seiten,
9,50 Euro.
Nähere Infos auf meiner Homepage
http://www.bauches-lust.de
Guckst du einfach mal rein!
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