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Sibel Nefas
Humorecke
Bauchtanz
Geschichten der etwas anderen Art
Ich
freue mich hier eine Geschichte aus Werner Davids Erstlingswerk „Bauches
Lust, Bauches Frust“ abdrucken zu dürfen.Auf seiner Homepage könnt
ihr dieses Buch und auch sein neustes Werk erwerben.
http:// www.bauches-lust.de
Hagalla - nein Danke!?
Autor: Werner David
E-Mail: wernerimweb@web.de
Wenn Ihnen bei dem Begriff „Hagalla“
ein spontanes „Oh je“ entfährt, sind Sie hier genau richtig.
Als Hagallageschädigter sollen Sie wissen, daß Sie nicht allein
auf dieser Welt sind.
Hagalla, öffentliches Ärgernis für die einen, unverzichtbarer
Bestandteil des Bauchtanzes für die anderen. Worum geht es nun genau?
Stellen Sie sich eine in der Mauser befindliche - und somit flugunfähige
- Ente vor. Das arme Vieh hat gerade eine Packung Chillischoten verdrückt
und watschelt mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung des rettenden Wassers,
gleichzeitig hat sie sich eine Grippe eingefangen und wird von rhythmischen
Schüttelfrösten heimgesucht. Dieses watschelnde, intervallmäßige
Vibrieren der Hüfte nennt sich Hagalla, zumindest vermittelt dieses Bild
eine grobe Vorstellung, wie das Endergebnis aussehen sollte. Sollte, wohlgemerkt!
Wie bei allem im Bauchtanz, haben die übellaunigen Götter und ihre????5???????â
ausführenden Organe, die Tanzlehrerinnen, auch hier vor den Erfolg den
Schweiß gesetzt. Ich befinde mich im Zentrum für orientalischen
Tanz in München, an meinem Stammplatz an der linken Säule, vor dem
Spiegel mit dem Sprung (der übrigens nichts mit meinem Spiegelbild zu
tun hat). Monika, unsere praxisgestählte Hüftdompteuse zieht gerade
verzweifelt alle Register ihrer Lehrerfahrung, um uns die Stufe I des Hagalla,
das „Watscheln“ an oder ins Herz zu legen. Bis jetzt mäßig
erfolgreich, um ehrlich zu sein.
Für einen Außenstehenden müssen wir ein seltsames Bild abgeben,
eine Gruppe von Frauen und ein einsames männliches Wesen, die mit stierem
Blick und dem Gangbild einer Ente mit schwerer Hüfgelenksarthrose im
Gleichschritt durch den Raum marschieren. Aller Anfang ist schwer und auch
nicht immer übermäßig ästhetisch. Geballte Konzentration
liegt in der Luft, fast kann man den Rauch aus den Ohren aufsteigen sehen.
Wie war das nochmal genau? Linkes Bein anheben, in einer halbkreisförmigen
Bewegung nach vorne bringen und absetzen. Flacher Fuß oder Ballen? Im
Moment habe ich andere Probleme als auch noch auf das Gleichgewicht zu achten,
also erst mal flacher Fuß. Mist, die Hüfte war nicht abgesenkt!
Welcher normale Mensch würde auch auf dem belasteten Bein die Hüfte
absenken.
Jede Wette gleich heißt es wieder „Bewegt euch ganz natürlich!“
Immer wenn eine Bauchtanzlehrerin das Wort „natürlich“ in
den Mund nimmt, ist äußerste Vorsicht geboten, in der Regel wird
uns mit diesem harmlosen Adjektiv eine Bewegungsfolge untergejubelt, die ähnlich
natürlich ist wie der Doppelsalto für eine griechische Landschildkröte,
ode????5???????âr der Appell an einen Goldfisch auf dem Trockenen, einfach ganz natürlich
zu atmen. Ich würde unsere Chancen etwas besser einschätzen als
die der Schildkröte, aber nicht allzusehr. Alle Bemühungen, „natürlich“
zu watscheln, ändern wenig an dem Endergebnis.
Mein Körper meldet bis jetzt lediglich tiefe Frustration, beim Blick
in den Spiegel verliere ich den bisher mühsam bewahrten Takt endgültig.
Meinen Gesichtsausdruck könnte man mit „Jack the ripper vor seinem
letzten Mord“ unterbetiteln, ein ganz kleines bißchen verkniffen.
Also tief durchatmen und entspannen, ich lasse mich doch nicht von dieser
lausigen Figur um meinen Seelenfrieden bringen. Jedenfalls nicht sehr.
Ein Blick in die Runde läßt mich vollends an der Bedeutung von
Tanz für die Entspannung zweifeln. Die Jahreshauptversammlung der griechischen
Rachegöttinnen, der Erinnyen, muß ähnlich aussehen. Erst bei
einer Lockerungsübung zwischendurch taucht wieder das erste segensreiche
Lachen auf.
Nun gut, let´s watschel again. Hinteres Bein fast gestreckt, vorderes
Bein leicht gebeugt, Hüfte nach unten ziehen, nächster Schritt.
Der Oberkörper sollte ruhig bleiben, aber was weiß schon so ein
Oberkörper! Langsam dämmert´s. Der Trick ist, eine Treppe
hinunterzusteigen, die überhaupt nicht da ist. Jede Ente müßte
mich inzwischen begeistert anbalzen und mir die Entenstaatsbürgerschaft
ehrenhalber antragen. Vom volltrunkenen Entenküken bis hin zur Turbo-Ente
sind alle Watschelschattierungen im Raum vertreten, die Ähnlichkeit mit
dem fertigen Hagalla hält sich nach wie vor in Grenzen. Schmeichelhaft
ausgedrückt.
Bevor wir alle anfangen im Teppichboden nach Würmern ????5???????âund Kleinkrebsen
zu grundeln und unser nicht vorhandenes Gefieder mit der noch weniger vorhandenen
Bürzeldrüse einzuölen, leitet Monika segenswerterweise die
Stufe II ein.
Immer wenn das hintere Bein nach vorne bewegt wird, soll ein kurzer, zierlicher
Schimmy auf die entsprechende Hüfte aufgetupft werden. Und nur dann!
Inzwischen habe ich zwar nach monatelangem Suchen den Startknopf für
Schimmys entdeckt, aber ausschließlich in der Einstellung „Dauerbetrieb“.
Bei der geforderten Intervallschaltung hinkt mein Hirn deutlich hinter der
Hüfte hinterher, auch bei einem Schneckentempo-Takt.
Entenwatscheln - gut! Schimmy im Gehen - auch gut! Hagalla - vergiß
es! Langsam klappt gar nichts mehr, ein Knopf im Hirn jagt den anderen. Massives
Seitenstechen macht mich darauf aufmerksam, daß es auch in konzentrierten
Phasen sinnvoll ist ab und zu Luft zu holen.
Hol´s der Teufel! Am besten, ich lege den Hagalla in der Rubrik „krätzige
Figuren“ ab, gleich neben den Schlangenarmen und dem seitlichen Kopfschieben.
Monika düst scheinbar mühelos durch den Raum und besitzt auch noch
die Frechheit entspannt zu lächeln. Lächeln kann ich zwar auch,
aber keinen Hagalla und schon gar nicht in dieser Kombination. Himmel sieht
das gut aus, da packt einen wieder mal der schiere Neid! Pure Angabe sowas!
Nach einem letzten fruchtlosen Watschelshake-Versuch hat sie ein Einsehen
mit uns und beendet das grausame Spiel, wir finden uns auf dem vertrauten
und sicherem Boden der Hüft-Drops wieder. Halleluja! Langsam blüht
mein Ego wieder auf, beim Wechsel zum gutbürgerlichen Dauerschimmy ist
die Welt wieder vollends in Ordnung.
Irgendwann setze ich mich sicher wieder mit dieser Figur auseinander, aber
????5???????â für heute reicht´s. Als Krönung des Tages werde ich jetzt
- ohne zu watscheln - zum nächsten Chinesen gehen und mich auf eine gebratene
Ente stürzen.
Copyright ©
Werner David
Erding, 1998
Weitere 28 tierisch ernste Artikel rund um den Orientalischen Tanz findet
ihr in:
„Bauches Lust, Bauches Frust“, ISBN 3-8311-1964-3, 139 Seiten,
9,50 Euro.
Nähere Infos auf meiner Homepage
http:// www.bauches-lust.de
Guckst du einfach mal rein!
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